Stimmen zu Hebbel

Kaum ein anderer Autor der deutschen Literatur hat so begeisterte Anhänger und so glühende Gegner wie Friedrich Hebbel. Hier eine Auswahl von Freund- und Feind-Äußerungen:

Georg Lotz, 1840
Friedrich Hebbel ist in diesem Augenblick in der deutschen Lesewelt noch fast unbekannt, denn er ist bis jetzt nur als Verfasser einiger kritischer Aufsätze und einzelner Gedichte im Tübinger Morgenblatte aufgetreten. Der Name: Friedrich Hebbel aber wird in sehr kurzer Zeit nicht bloß als Stern erster Größe am literarischen Himmel glänzen, sondern er wird bald fast alle anderen Gestirne überstrahlen, welche jemals dort geleuchtet. Indem ich diese meine Ueberzeugung ausspreche, folge ich nicht etwa dem Eindrucke einer augenblicklichen, durch die Lesung der obengenannten trefflichen Dichtung [Judith] erzeugten Begeisterung, ich gebe das Resultat eines ernsten vielfachen Studiums, dem ich mich mit um so größerer Freude hingab, da ich fast kein Dichterwerk zu nennen weiß, welches mir einen so reichen Genuß wie dieses gewährte. Ob dieß unvergleichliche Gedicht, dem ich in der deutschen Literatur wegen der größeren Weltanschauung einzig und allein den Götheschen Faust vorziehe, sich in der Bretterwelt die Bahn brechen werde, steht sehr dahin; ich fürchte fast, es sei zu kolossal für unsere Zeit, und es werde abgesehen daß auch alle übrigen Figuren dieses köstlichen Dramas Künstler zu ihren Repräsentanten bedingen, sämmtlichen deutschen Bühnen für die Darstellung der Judith und des Holofernes an dem erforderlichen Zeuge mangeln. Das aber weiß ich, es wird dieß herrliche Gedicht, es möge auf der Bühne oder im Druck erscheinen, dem reichbegabten jungen Autor, der erst 27 Jahre zählt, die glänzendste literarische Laufbahn erschließen und seinen ferneren dramatischen Productionen, er arbeitet bereits an einer zweiten Dichtung: „Die Ditmarschen“ betitelt, den Eingang zu allen deutschen Bühnen eröffnen, zumal da er, während er in der Judith seinen Genius frei walten ließ, bemüht sein wird, seine ferneren Werke mehr der Zeit und ihren Anforderungen anzueignen.

(Originalien, Hamburg April 1840, zitiert nach Hebbel-Kalender für 1905, S. 212–214)


Theodor Storm, 1843

Die Judith konntest du so prächtig
Um ihre alte Keuschheit prellen,
Und wußtest mit der Genoveva
So platterdings nichts aufzustellen.

(ungedruckte Xenien, in: Sämtliche Werke Bd. 1, hg. von Dieter Lohmeier, S. 233)


Sigmund Engländer, 1845
In einigen größeren Gesprächen, die ich bisher mit diesem großen Dichter zu halten Gelegenheit hatte, war es mir, als ob ich in einen ganz anderen Planeten schaute: so völlig von den gewöhnlichen Menschenansichten abweichende, neu aufbauende Betrachtungsweisen sog ich ein. Wie zwergig und plappernd kamen mir die meisten Anschauungen vom Drama, Hebbels gigantischer, universaler Intuition gegenüber, vor. Jetzt erkenne ich auch, daß ich in zwei Puncten, nämlich in der Katastrophe der Judith und in seinen Ansichten von poetischer Versöhnung ihn gröblich mißverstanden, und halte es für meine Pflicht dieses mit dem Schwamm wegzuwischen und das Richtigere dafür auf die Tafel zu zeichnen. Übrigens gestand der liebenswürdige, bescheidene Dichter selbst, man könne ihn erst vollends verstehen, wenn sein „Moloch“, an dem er jetzt arbeite, und in welchem seine Dramen, die auf das engste unter einander zusammenhängen, ihren geistigen Concentrationspunct finden, erschienen sein wird. Clios Griffel steckt nicht in der Hand eines Professors, sondern der Dichter, insbesondere der Dramatiker, beschreibt ihre Rolle. Wie nüchternes Gezwerg, das an dem Riesenschwert eines Helden dumm herumarbeitet, kamen mir von jeher jene Männer vor, die mit dem Dichter eines historischen Dramas nörgeln, er habe einer seiner Gestalten nicht die schiefe Nase oder den Klumpfuß angeklext, die er in der Wirklichkeit besessen. Der wahre historische Dichter schleicht sich nicht in die finstere Rumpelkammer der Vergangenheit und schleppt sich eine todte Mumie heraus und lügt ihr ein Leben an, sondern er schreibt Geschichte im höheren Sinne. Er betrachtet die historischen Personen nur als Träger der Weltidee, wie sie sich in jedem Zeitraum verschieden offenbart und das ganze Factengetriebe ist ihm, welcher bloß die Darstellung des Zeitgeistes sich zur Aufgabe macht, bloß insofern beachtenswerth, als es ihm zur Durchführung dieses Zweckes eben Gelegenheit gibt. Insofern ist jedes Drama so wie im Allgemeinen jedes Kunstwerk, habe es einen historischen Inhalt oder nicht, ein Geschichtswerk und der Dichter der einzig wahre Geschichtschreiber. In diesem Sinne ist Hebbel gänzlich als Historiker in seinen Dichtungen zu betrachten. In der Judith ist es die Jehovah-Idee, die ihre Verkörperung findet, in der Genoveva ist es das Christenthum und die Opfer-Idee und in der Maria Magdalena das moderne Bürgerleben und inwiefern sich in ihm all die großen Conflicte unserer Zeit wiederholen, welche zum Ausdruck kommen.

(Österreichisches Morgenblatt Dezember 1845, zitiert nach Hebbel-Kalender für 1905, S. 189f.)


Julian Schmidt, 1847
Denn was sind es für Probleme, die unser Dichter stellt? Eben jene anonymen, individuellen Krankheitsgeschichten, die nicht dem historischen Gebiet, sondern dem pathologischen angehören. Wenn Gutzkow sich in die Seele eines Nero zu träumen, oder wenn er das Problem zu lösen sucht, wie ein Dalai Lama die Welt auffassen mag, so ist das eine Aufgabe, die mit dem großen Gange des Weltgeistes nichts zu schaffen hat. Es ist, als wenn Einer bei der Pfeife Tabak sich den Kopf darüber zerbricht: wie mögen doch die Leute im Monde aussehen, oder was für Gefühle mag einer haben, der lebendig begraben ist u. dergl. Und leider muß ich erklären, daß die ethischen Probleme, die Hebbel sich stellt, in keiner Weise eine größere Dignität in Anspruch nehmen können.

Worin liegt, Alles in Allem genommen, das Große und Anerkennenswerthe unseres Dichters? Darin, daß er sich nicht auf diese halben Wesen einläßt, die heute dieß, morgen jenes wollen, sondern ganze Charaktere koncipirt, die unbedingt in Eine Leidenschaft, in Eine Gemüthsrichtung aufgehen, wenn diese auch Wahnsinn ist. Aber eben daß sie in der Regel Wahnsinn, wenigstens Krankheit ist, das entreißt ihm wieder den Kranz der echten Poesie, der nur da erworben wird, wo Maaß ist. (...)

Seine Probleme kommen nicht aus dem Herzen, sie kommen aus einer durch die Reflexion befleckten Phantasie. Es ist möglich, daß es Frauenzimmer gibt, die eine That begehen, wie Maria Magdalena; daß es Väter gibt, die, wenn der Würgeengel des Todes ihre ganze Familie hinwegrafft, ähnliche Bemerkungen zu machen im Stande sind; die dann, um sich ein Relief zu geben, hinzusetzen: Ich verstehe die Welt nicht mehr! Aber was hat die Poesie mit solchen Mißgeburten zu thun! Wenn der Dichter mit raffinirter Wollust sich selber einen wunderbar verwickelten psychischen Knoten knüpft, und ihn dann zerhaut, weil er ihn nicht auflösen kann, so schaudern wir, aber wir werden nicht erschüttert...

(Grenzboten 1847, zitiert nach Wütschke, Hebbel in der zeitgenössischen Kritik, S. 64, 70f.)


Heinrich Laube, 1868
Nun, diese erste Inszenesetzung eines Hebbelschen Stückes [Genoveva 1854] wurde für mich eine aufklärende Offenbarung über seine Schöpfungsart. Ich erkannte zum ersten Male deutlich, daß seine Stücke aus einem tiefen Grunde der Szene fremd sind, daß Hebbel – wie neulich von Gervinus gesagt – gar keine plastische Phantasie besitzt, daß er beim Empfangen und Niederschreiben seiner Stücke den Vorgang in diesen Stücken gar nicht gesehen hat in seiner Einbildungskraft. Es ist aber unerläßlich, daß der dramatische Dichter seine Vorgänge im Geiste sieht, sonst werden sie eben nicht Schauspiele. Hebbels Stücke sind zusammengedacht, sie sind von einem begabten, dichtenden Denker niedergeschrieben, nicht aber von einem Dichter, der ein Künstler ist.

(Heinrich Laubes ausgewählte Werke in zehn Bd. Hg. von H. H. Houben. Leipzig o. J. Bd. 5: Das Burgtheater II, S. 53f.)


Theodor Fontane, 1874
Herodes und Mariamne, beide stehen auf einer Leidenschafts-Höhe, die uns flüchtig wohl ein Staunen, nachhaltig aber doch nur tiefste Abneigung einflößen kann, um nicht, in schuldiger Rücksicht gegen die außerordentliche Begabung des Dichters, ein noch stärkeres Wort zu wählen. Das Kulturhistorische als solches, wenn es mehr als Hintergrund sein, mehr als Lokaltöne geben will, ist für das Drama absolut unverwendbar. Es gehört in den Roman. Im Drama soll uns das, was geschieht, zu menschlich-herzlicher Teilnahme stimmen. Wir müssen, damit dies möglich wird, der Empfindungsweise derer folgen können, die uns zur Teilnahme an ihrem Geschick einladen. Das vermochten wir diesen beiden Gestalten gegenüber nicht! Wir würden uns dazu, nach der geringen Bedeutung, die wir, wie wir nur wiederholen können, dem kultur-historischen Element für das Drama beilegen, mutmaßlich auch dann noch außer Stande gesehen haben, wenn die entsprechende Aufgabe: ein Verfalls- und Schreckensbild aus der Wendezeit der heidnischen und christlichen Welt zu geben, wirklich und glücklich gelöst worden wäre; aber diese Aufgabe wurde nicht gelöst, sehr wahrscheinlich nicht einmal gestellt, und damit gebar sich, von Anfang an, das Unheil dieses Stückes: die Empfindungs-Zwiespaltigkeit. Was uns hier als Herodes und Mariamne entgegentritt, ist nicht Herodes und Mariamne, es sind vielmehr Träger der Anschauungen, die Hebbel von zwei Formen der Liebe, von der unechten egoistisch-tyrannischen und von der echten, selbstsuchtslos-heroischen hatte, denen er zwei Königskleider umhing und ihnen die Zettel anheftete: Herodes und Mariamne. So sehen wir, vier Stunden lang, ein Liebespaar sich und andere quälen, das weder modern ist, noch antik, sondern nur geschaffen wurde, um der Welt zu zeigen, wie Hebbel sich die Liebe denkt.

(Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Abt. III. Bd. 2: Theaterkritiken. Hg. von Siegmar Gerndt. München: Hanser, 1969, S. 192f.)


Sigmund Freud, 1875
Allmählich hole ich aus der Bibliothek unseres Vereines das nach, was mir zur Kenntnis der neueren Literatur fehlt. So habe ich einen Teil der Ahnen von Freitag gelesen, wie ich Dir, mein’ ich, schon geschrieben habe, und unlängst ein halb Dutzend Trauerspiele von Friedrich Hebbel verschlungen, den Du, wenn Du ihn nicht schon kennst, mit Nutzen kennenlernen wirst. Sein Wesen ist herb revolutionär, voll von bitterer Kritik. Von dem Schema, daß, wenn der Held für eine berechtigte Idee gekämpft hat, der Held zwar unterliegen darf, aber die Idee siegen muß oder der Dichter ihr zummindesten den Sieg versprechen muß, ist wenig zu spüren. Im Morden ist er ein wahrer Shakespeare, am wohlsten ist ihm, wenn sich jemand durch Konsequenz der Leidenschaft zu Grunde richtet, alle seine Helden sind Trotzköpfe, die sich gegenseitig die Schädel einrennen, die Leidenschaften schildert er immer so groß, daß es dem Dichter die Mühe lohnt, sie zu beleuchten und vielleicht, wenn man Hebbel recht versteht, zu entschuldigen. Sehr schön ist die Judith, ein sexuelles Problem, eine überstarke Frau trotzt einem übergewaltigen Mann und rächt sich an ihm für die durch das Geschlecht ihr zu Teil gewordene Inferiorität. Dir insbesondere, dem alten Schätzer der Penthesileia, will ich die Judith warm empfehlen. Holofernes ist ein Grobian, denk’ Dir den Gargantua oder den Pantagruel als patentierten, von seiner assyrischen Majestät ausschließlich privilegierten Räuberhauptmann, so hast Du den Holfernes. Daß die Judencharaktere wunderbar sind, wirst Du gern glauben, nach Hebbels Begabung für die Starrköpfe zu schließen. Übrigens charakterisiert Hebbel selbst seine Helden in einigen dem Stück vorangeschickten Zeilen besser, als ich es hier kann. Die „Mariamne“ ist schön, aber weniger bewegt, ich hab das Stück nicht gern, denn so verwickelte gefährliche psychologische Experimente haben etwas Unwahrscheinliches. Übrigens sehe ich mit Erstaunen, was für herrliche Tragödienstoffe in der verachteten jüdischen Geschichte ruhen; wenn nur der ewige Jehova nicht zu monoton wäre. Die „Agnes Bernauer“ hat mich erst gelangweilt und dann geärgert, ja empört. Gegen den Schluß hat nicht nur das Gefühl sondern auch die Logik Triftiges einzuwenden. Ein Meisterstück ist dagegen „Maria Magdalena“, auch ein Tendenzstück wie kein anderes; eine erschütternde Tragödie mit den einfachsten Mitteln. „Genofeva“ ist auch poetisch schön, die Geschichte ist die bekannte, die Leidenschaft des ungetreuen Golo ist in alle Glutfarben der Hölle getaucht, wie Du Dir denken magst. „Ring des Gyges“ ist wiederum ein sexuales Problem, übrigens oft recht lieblich. Nimmst Du noch dazu die Nibelungentrilogie mit ihrer Heldin Chriemhild, so siehst Du die interessante Tatsache vor Dir, daß alle Helden Frauen sind und die größte Anzahl der Stücke nach Frauen benannt sind. Es ist aber nicht etwa auf eine Darstellung der Frau von verschiedenen Seiten, auf eine politische Verherrlichung der Frauen abgesehen, sondern der Dichter bevorzugt die Frauen als die poetisch warmblütigern Tiere, weil sie neben dem Starrsinn, den sie mit den Männern teilen, auch glühende Gefühle haben können.

(Sigmund Freud: Jugendbriefe an Eduard Silberstein 1871–1881. Hg. von Walter Boehlich. Frankfurt/M. 1989, S. 121f.)


Berthold Auerbach, 1876
Es ist mir [bei einer Aufführung der „Judith“] wieder ganz evident geworden: Wenn es einen Dichter der Unnatur geben kann, Hebbel hat den Anspruch darauf, und es ist geschichtlich und psychologisch belehrend, daß ein so stelzenhaftes Phrasenthum durch keckes geniewüthiges Aufprotzen sich einmal Geltung verschaffen konnte. Ich nehme daraus die beruhigende Belehrung, daß es einst und hoffentlich bald so auch mit Richard Wagner gehen wird. Man wird es unfaßlich finden, daß man je auf Derartiges etwas halten konnte. Beide sind gleich darin, daß sie Muth und technisches Geschick haben, aber auch darin, daß weil ihnen die natürliche Rhythmik einer Melodie fehlt, sie nun lehren und mit Werken beweisen wollen, das Gesunde und Gerade sei Larifari. Immer kolossal! ist ihr Wahlspruch, und die Männer sind Bramarbasse und die Frauen ein Gemenge von sinnlicher Tollheit und philosophischem Wahnwitz. Ich theile wieder ganz den Ekel, den Otto Ludwig vor Hebbel hatte, der verderbend und verwirrend wirkt, mit Großprahlerei verblüfft und mit gesprochenem Fusel momentan betäubt, dann aber Katzenjammer erzeugt.

(Berthold Auerbach: Briefe an seinen Freund Jakob Auerbach. Ein biographisches Denkmal. 2. Bd. Frankfurt/M. 1884, S. 277)


Franz Kafka, 1904
...und fürs zweite habe ich Hebbels Tagebücher (an 1800 Seiten) in einem Zuge gelesen, während ich früher immer nur kleine Stückchen herausgebissen hatte, die mir ganz geschmacklos vorkamen. Dennoch fing ich es im Zusammenhange an, ganz spielerisch anfangs, bis mir aber endlich so zu Mute wurde wie einem Höhlenmenschen, der zuerst im Scherz und in langer Weile einen Block vor den Eingang seiner Höhle wälzt, dann aber, als der Block die Höhle dunkel macht und von der Luft absperrt, dumpf erschrickt und mit merkwürdigem Eifer den Stein wegzuschieben sucht. Der aber ist jetzt zehnmal schwerer geworden und der Mensch muß in Angst alle Kräfte spannen, ehe wieder Licht und Luft kommt. Ich konnte eben keine Feder in die Hand nehmen während dieser Tage, denn wenn man so ein Leben überblickt, das sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, daß man es kaum mit seinen Fernrohren erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

(An Oskar Pollak, 27. Januar 1904)


Thomas Theodor Heine, 1908

judith
Aus: F. Hebbel: Judith. Mit Illustrationen von Thomas Theodor Heine. München 1908

 

Gorch Fock, 1909

Kein Volksmann ist Hebbel, noch weniger ein Volksheld: aber Götterhoheit leuchtet von seiner Stirn. Ein hoher, hoher Berg ist er mit einem breiten Wolkengürtel um die Hüften. Diesen sehen die Talbewohner, was sie aber nicht sehen, das ist der Gipfel, den vom Morgen bis zum Abend die ewige Sonne umstrahlt, und der vom Abend bis zum Morgen die Unermeßlichkeit aller Sterne grüßt.

Und Elise Lensing? Allerdings gehört Hebbel vor einen Richter, lieber Spießbürger: aber nicht vor einen, der dich und mich zu Schöffen ernennte!

(Gorch Fock: Sterne überm Meer. Tagebuchblätter und Gedichte. Hamburg 1917, S. 87)


Alfred von Berger, 1910
Heinrich Laube war dieser Meinung und urteilte über den Bühnenwert der Hebbelschen Stücke ähnlich, wie ein Größerer als Laube [Goethe] über die Dramen eines Hebbel Ebenbürtigen, Heinrich von Kleists, geurteilt hatte. Laube sprach Hebbel die plastische Phantasie ab. Dieser habe beim Empfangen und Niederschreiben seiner Stücke den Vorgang, den sie darstellen wollen, in seiner Einbildungskraft gar nicht gesehen. Seine Stücke seien zusammengedacht, von einem begabten, dichtenden Denker niedergeschrieben, nicht von einem Dichter, der ein Künstler ist. Den Beweis für diese Behauptung ist Laube freilich schuldig geblieben, wenn man nicht sein Bekenntnis, daß es ihm sehr schwer, wo nicht unmöglich gewesen sei, sich beim Lesen der „Genoveva“ die Vorgänge so einzubilden, wie sie in sinnlich anschaulicher Gestalt auf der Szene erscheinen sollten, dafür gelten lassen will. (...) Aber unter den reifen Meisterwerken Hebbels ist kein einziges, das die einigermaßen geschulte und erfinderische Phantasie eines Regisseurs vor ein unlösbares Problem stellte. (...) Spröde freilich verhält sich Hebbels dramatische Poesie gegen Regisseure und Schauspieler. Mit den Mitteln und Mittelchen einer an modernen realistischen Komödien geschulten Schauspielkunst kommt man seinen Stücken so wenig bei als mit den aus Meiningen stammenden Inszenierungskünsten. Die Aufführung eines Hebbelschen Stückes muß eine szenische Nachdichtung desselben sein und kann daher nur gelingen, wenn jener, der sich dieser Leistung vermißt, bis ins Zentrum der geistigen Welt gedrungen ist, in der Hebbel beim Schaffen gelebt hat. Wem das Glück zuteil geworden ist, an einer solchen geistigen Arbeit teilnehmen zu dürfen, wird, wie auch der Erfolg war, eine Vergeistigung und Vertiefung seiner Kunst als Frucht ernten. Welcher Segen gerade für die zum Verflachen so sehr hinneigende Schauspielkunst!

(Alfred von Berger: Meine Hamburgische Dramaturgie. Wien 1910, S. 211–213)


Georg Lukács, 1911
Hebbel gelangt zur Möglichkeit der modernen Tragödie. In allem anderen ist auch er problematisch, er ist vielleicht der am fieberhaftesten Suchende in der ganzen modernen Literatur. Vor ihm war jedoch die moderne Tragödie bloß literarisches Experiment, wenn auch sehr oft wunderschöne Dichtungen bei dieser Suche entstanden. Er war der erste, der über das bloße Experimentieren hinausging, der erste, den man fortsetzen kann und auch muß, auf dem der Stil des modernen Dramas aufgebaut werden kann. Aus seinem Leben wächst die Tragödie organisch hervor, das Tragikum ist bei ihm, wie bei den Griechen, bei Shakespeare, eine aus dem Leben, aus der Weltordnung sich unwillkürlich entwickelnde Gesetzmäßigkeit und keine aus den alten griechischen, englischen und spanischen Tragödien abgeleitete ästhetische Regel. Deshalb beginnt die neue Tragödie mit ihm und nicht deshalb, weil seine unmittelbare Wirkung so groß gewesen wäre. Zu Lebenszeiten wirkte er auf einige junge, größtenteils unbedeutende Dichter; nach seinem Tode wurde er vergessen, und auf die Menschen der großen naturalistischen und gesellschaftskritischen Bewegung hatte er, obwohl er bekannt war, keine bedeutende Wirkung; nur unlängst, bei den jüngsten stilsuchenden Dichtern, sind seine Ansichten, Einstellungen und Probleme immer öfter gegenwärtig. Auf Henrik Ibsen übte er zwar in wichtigen Fragen eine starke Wirkung aus, und viele Ibsen-Wirkungen sind eigentlich nur vermittelte Hebbel-Wirkungen, aber Hebbels wirkliche Bedeutung in der Entwicklung liegt anderswo; sie ist tiefer und größer, als daß solche in dieser Hinsicht ein wenig kleinliche philologische Feststellungen – daß er auf den so wirkte und auf den anderen so – auf diese Bedeutung einen Einfluß haben könnten.
Mit ihm hört die Grundproblematik der großen deutschen Tragödie zu existieren auf; freilich nur, um einer anderen, einer tieferen Platz zu machen. Der Preis des Aufhörens der Problematik innerhalb des Dramas ist das Problematischwerden der Wirkungsmöglichkeit des ganzen Dramas. Denn wie sehr auch die Grundlagen und das zusammenhaltende Element der Dramen einheitlich und erlebt sind, ihre Einheit ist nur in den isolierten Gefühlen eines isolierten großen Menschen vorhanden. Und gerade weil das moderne Leben in ihm rein, restlos zu Form wurde, wurde seine Wirkung auf die, die das Neue nur inhaltlich, nur in der rohen Empirie als neu empfinden, fremder und bizarrer als die aller anderen. Schiller wurde durch seine tiefste Stildissonanz populär, die größten Vollkommenheiten seiner allgemeinen Wirkung stehen Hebbel im Wege.

(Georg Lukács: Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas, zitiert nach Hebbel WdF, S. 47f.)


Franz Mehring, 1912
Nichts lächerlicher, als wenn eine verstiegene Ästhetik in Hebbel den überlegenen Genius erblicken will, der über alle politischen Erbärmlichkeiten des Tages hinweg seinen ruhigen siegessicheren Gang geschritten sei. Man kann dann nur bedauern, daß dieser überlegene Genius sich nicht anders zu helfen gewußt hat als in den kläglichsten Angstmeiereien des ersten besten Philisters. Vergebens sucht man in Hebbels Briefen und Tagebüchern nach dem kleinsten Zeichen des Verständnisses für den historischen Zusammenhang der Revolution. Freilich räsoniert er auch über den vormärzlichen Absolutismus, wie der Spießbürger schließlich über alles räsoniert, aber die Revolution ist ihm doch immer das schlechthin Widerwärtige, und mit der Gegenrevolution richtet er sich in der behaglichsten Weise ein. Er lebt und webt in ihrem Dunstkreis, verleugnet das Vorwort zur Maria Magdalena, schilt auf Herwegh als einen „poetischen Rhetor“, nennt Freiligraths Glaubensbekenntnis „unreif“, während er selbst die hölzernsten Reimereien auf den Kaiser von Österreich und den König von Preußen fabriziert, und wie Schopenhauer für seinen Pudel Atma, so schwärmt Hebbel für sein „Herzi, Lampi, Schatzi“, ein Eichkätzchen oder sonst ein Viech, dessen Eingehen derselbe Poet in unendlichen Winseltönen bejammert, der auch nicht ein Wort der Teilnahme für Robert Blums oder der ungarischen Generäle Märtyrertod gehabt hatte.

(zitiert nach Hebbel WdF, S. 19f.)


Gottfried Benn, 1913

Der junge Hebbel

Ihr schnitzt und bildet: den gelenken Meißel
In einer feinen weichen Hand.
Ich schlage mit der Stirn am Marmorblock
die Form heraus.
Meine Hände schaffen ums Brot.

Ich bin mir noch sehr fern.
Aber ich will ich werden!
Ich trage tief einen im Blut,
der schreit nach seinen selbsterschaffenen
Götterhimmeln und Menschenerden. –

Meine Mutter ist so eine arme Frau,
daß ihr lachen würdet, wenn ihr sie sähet.
Wir wohnen in einer engen Bucht,
ausgebaut an des Dorfes Ende.
Meine Jugend ist mir wie ein Schorf:
eine Wunde darunter.
Da sickert täglich Blut hervor.
Davon bin ich so entstellt. –

Schlaf brauche ich keinen.
Essen nur so viel, daß ich nicht verrecke!
Unerbittlich ist der Kampf
und die Welt starrt von Schwertspitzen
Jede hungert nach meinem Herzen.
Jede muß ich, Waffenloser,
in meinem Blut zerschmelzen.

(Gottfried Benn: Gesammelte Werke in vier Bd. Hg. von Dieter Wellershof. 3. Bd.: Gedichte, S. 21)


Golo Mann, 1986
Sommer 1931. Aus Heidelberg war ich an den Bodensee gefahren, um dort den August zu verbringen, an meiner Dissertation zu arbeiten, nebenher spazieren zu gehen oder zu rudern. (...) Auch der Gasthof „Zur Linde“ wimmelte von Menschen. Der Wirt hatte keine Zeit für mich. In Geduld schon geübt, bestellte ich mir einen Schoppen Wein und wartete, nicht draußen, wo es laut und lustig zuging, sondern in der einsamen Gaststube. Da saß ich, müde, unbehaust und traurig. Nach einer Weile fiel mir ein, daß ich im letzten Moment noch ein Buch in die Handtasche getan hatte: den ersten Band der Tagebücher Friedrich Hebbels. Wie ich zu ihm kam, weiß ich nicht mehr. Ich fing an zu lesen, dort wo Hebbel zu schreiben anfing. Bald hatte ich alle Düsternis vergessen, eine Erfahrung, ungefähr so angenehm, wie das plötzliche Verschwinden starker Zahnschmerzen. Ich las und las und bemerkte die Stunden nicht, die der Wirt mich warten ließ, und als er mir endlich mitteilte, im Hause einer „Wittfrau“ habe er ein Zimmer für mich, war die Nachricht mir fast mehr Störung als Erlösung.

(Golo Mann: Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland. Frankfurt/M. 1986, zitiert nach HJb 1990, S. 15f.)


Hans Wollschläger, 1989
So denn am vergangenen Montag/Dienstag–: da hat das Zweite Deutsche Fernsehen jene „Nibelungen“-Zurichtung gesendet, mit der das Hamburger Thalia-Theater unter Anführung des Herrn Jürgen Flimm im letzten Jahr den 125. Todestag Friedrich Hebbels beging. Und hätte man nicht schon in aller Gefaßtheit erwartet, was zu erwarten war, so hätte es der „Spiegel“ verdeutlicht, der für die Moden aller Art ein eigenes Kultur-Ressort unterhält und auf ihre Sternstunden achtet: ein „Stück Edel-Sperrmüll deutscher Dramengeschichte" kündigte er an, „Asterix und Obelix am Rhein“, einen „gewaltigen Schinken von 1860“ – mit dem also eigentlich nichts mehr anzufangen war, hätte nicht Herr Flimm die Gewogenheit gehabt, „das Geschehen immer wieder in gelungenen Szenen zu Bildern zeichenhafter Deutlichkeit einfrieren“ zu lassen. (...)
Denn das „Spiegel“-Bild ist wieder einmal, um das geringste zu sagen, verkehrt; es ist alles ganz anders; bei dem „Edel-Sperrmüll“ handelt es sich um eins der Großwerke der deutschen Dramenliteratur, um ein Sprachwerk ersten Ranges, und man möchte immerhin hypothetisch annehmen, daß eine leise Ahnung davon auch unter den Motiven des Herrn Flimm war, sich ihm zu nähern. Eine Ahnung davon hat jedenfalls die wenigen, die Literatur noch lesen können, bewogen, sich Herrn Flimm zu nähern–: Was wird er aus den Worten machen, den mächtigen, mythischen, was aus den eleganten der höfischen Rede, was aus den intimen, zarten, den unterbödigen? Wie wird er ihre Gleichnishaftigkeit umsetzen, die wie träumend in den Wechselreden umgeht, sie manchmal bis zur Schattenhaftigkeit verdunkelnd, – wie ihre Psychologie? Wie wird er gleich den ersten Szenen gewachsen sein, in der frühsonnenhellen Burghalle, von der aus sämtliche Motive sich entspinnen und die Episoden Stufe um Stufe in die Finsternis herunterführen, – wie wird er die ersten Sätze meistern, die im leichten mutwilligen Parlando das Hauptthema hinwerfen und nach vielen kunstvollen Variationen bis in den Schlußsatz des Riesenwerks reichen.

(Hans Wollschläger: Der Nibelungen neue Not. Über das schwere Schicksal der Literatur in Theater und Fernsehen. In: Frankfurter Allgemeine, 8. April 1989)


Joachim Kaiser, 2008
Die Hebbel-Verweigerung unserer Bühnen mutet barbarisch an. Bei den spontan faszinierenden Tagebüchern Hebbels liegen die Dinge gewiß etwas günstiger… die Tragödien aber fordern zu gespanntem Mitdenken auf. Müßten gewiß auch im Hinblick auf manche Umständlichkeiten von sensiblen Dramaturgen für Theaterbesucher des 21. Jahrhunderts konsumierbar gemacht werden. Doch das wäre eine lohnende Mühe. Hebbels Tragödien bieten gewaltige Erfahrungen, wie sie nirgendwo sonst in solcher Weise zu machen sind, selbst bei Shakespeare nicht und beim hinreißenden Schiller schon gar nicht.

(Joachim Kaiser: Hinweis auf Hebbel. In: Süddeutsche Zeitung, 11. November 2008)


Alfred Brendel, 2008
Unter den schönen, wichtigen, kuriosen und überflüssigen Büchern, die meine Bibliothek beherbergt, sind Hebbels Tagebücher etwas Einzigartiges: Sie sind dies alles auf einmal. Es entfaltet sich darin das Panorama einer genialen Persönlichkeit, die vom Großartigen bis ins Fragwürdige reicht, ein Gesamtbild, das in solcher Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit seinesgleichen sucht. Von Tagebüchern des üblichen Zuschnitts ist hier kaum mehr zu reden: Peter von Matt hält Hebbels Version dieser Gattung geradezu für eine eigene Kunstform, und zwar jene, in der er seiner Zeit am weitesten vorauseilte. Daß sie auch Überflüssiges, Überholtes, allzu Zeitgebundenes mit einschließt, schmälert nicht die erstaunliche Originalität eines Unternehmens, das den Rahmen eines Dokuments nach allen Richtungen sprengt.

(Friedrich Hebbel: Weltgericht mit Pausen. Aus den Tagebüchern, hg. von Alfred Brendel. München 2008, S. 7)

Der Dumme wird dem Gescheiten gegenüber nicht gescheit, aber der Gescheite dem Dummen gegenüber dumm.

Tagebuch, 15. Juli 1854