Wien 1850 - 1859

Die 1850er Jahre sind nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 eine Zeit der Reaktion und Resignation, in denen die Menschen sich, freiwillig oder unfreiwillig, in die innere Emigration zurückziehen. Auch Hebbel werden viele Möglichkeiten der öffentlichen Tätigkeit wieder genommen. Selbst das Tagebuch führt er nur noch sporadisch weiter, denn:

Man hörte so viel von Haussuchungen, selbst bei den unverdächtigsten Personen, daß es Niemand gab, der sich für vollkommen gesichert gegen eine Papier-Durchstöberung halten konnte und lieber wollte ich meine Gedanken einbüßen, als mich in meiner aphoristischen Unterhaltung mit mir selbst belauschen lassen

(T 5047).


 

Juli 1850

Hebbel begleitet seine Frau zunächst auf eine Gastspielreise nach Agram (W 10, 163–167), dann reist das Paar weiter über Leipzig und Berlin nach Hamburg. Dort besucht er alte Bekannte, u. a. Amalia Schoppe, mit der er schon 1848 brieflich wieder Kontakt aufgenommen hatte. Er wird Zeuge, wie die Nachricht von der Niederlage der aufständischen Schleswig-Holsteiner bei Idstedt (24./25. Juli) eintrifft.

Ich befand mich gerade bei Campe und ließ mir von ihm auseinander setzen, daß die Schleswig-Holsteiner durchaus siegen müßten, daß sie gar nicht besiegt werden könnten, als die Nachricht kam, daß sie besiegt seyen. Meine Lage war eigen. Bis 1848 war ich bloß Mensch; 1848 mußte ich mich wieder auf den Deutschen besinnen; 1850 gar auf den Schleswig-Holsteiner. Aber ich war bald wieder Schleswig-Holsteiner, und zwar mit Haut und Haar, denn wenn man ganze Bahnzüge mit Todten und Verwundeten ankommen sieht, wie ich in Altona, so macht die Stamms-Verwandtschaft sich mächtig wieder geltend.

(An Felix Bamberg, 31. August 1850, WAB 2, 187)


 

18. Dezember 1850

Abschluß des zweiaktigen Künstlerdramas Michel Angelo. Es erscheint erst 1855 im Druck und wird 1861 am Wiener Quaitheater uraufgeführt.


 

April 1851

Die Buchausgabe der Julia wird mit der Abfertigung eines aesthetischen Kannegießers (W 11, 387–409) eingeleitet, einer gegen Julian Schmidt gerichteten Polemik. Schmidt, Herausgeber der „Grenzboten“ und realistischer Kritikerpapst seiner Zeit, hatte 1850 eine Rezension des Rubins und des Trauerspiels in Sizilien veröffentlicht, in der Hebbel u. a. attestiert wird:

Seine Muse ist überall die Hyäne, die Leichen aufwühlt; seine ganze Welt von Leichenduft erfüllt.

Oder:

Was das für Phantasien sind! es ist, als ob einer im delirium tremens redete! Und doch kann man sich nicht enthalten, über diese Virtuosität in der Ausmalung des Scheußlichen wenigstens zu staunen.

(Wütschke, 88, 91).


 

Juli 1851

Hebbel (in Begleitung seiner Frau und Emil Kuhs) in Berlin, wo die Judith (mit Christine in der Titelrolle) aufgeführt wird und wo er u. a. Karl August Varnhagen von Ense begegnet, der darüber am 19. Juli in sein Tagebuch notiert:

Als ich eben ausgehen wollte, kam Herr Dr. Friedrich Hebbel. Weißhaarig, blauäugig, norddeutsch, schwungvoll und nachdrücklich redend, mit bezeichnenden Gebärden, – eine merkwürdige Erscheinung! Der Mann gefiel mir auf den ersten Blick, und mit jedem Worte, das er sagte, gefiel er mir mehr. Wir sprachen zuvörderst über die öffentliche Lage der Dinge, über Oesterreich, Preußen, – und stimmten außerordentlich überein. Es that mir wohl, besonders nach den gestrigen Gesprächen, einen Mann so freien Geistes, so muthigen Herzens, so weiten Ueberblicks zu hören! (...) Ueber Amalia Schoppe, mit inniger Theilnahme und Achtung. Vorzüge von Wien, von Oesterreich, wieso die Aufnahme von ganz Oesterreich in den deutschen Bund wünschenswerth. (...) Ueber Hebbels „Judith“, die nach einer neuen Bearbeitung aufgeführt wird, nicht wie ich sie gestern gedruckt gelesen.

(Hebbels Persönlichkeit 1, 305)

Amalia Schoppe war zu dieser Zeit auf einem Auswandererschiff nach Amerika unterwegs. Sie starb am 29. September 1858 in Schenectady/N.Y.


 

22. September 1851

Beginn der Arbeit an der Agnes Bernauer. Sie geht außerordentlich rasch voran und wird schon am 17. Dezember abgeschlossen (gedruckt 1855).

Längst hatte ich die Idee, auch die Schönheit einmal von der tragischen, den Untergang durch sich selbst bedingenden Seite darzustellen und die Agnes Bernauerin ist dazu wie gefunden.

(T 4941)

Mein neues Stück behandelt einen merkwürdigen Vorgang der Bairischen Geschichte und spielt großentheils zu München. Es lag mir seit lange am Herzen, einmal etwas recht Deutsches darzustellen und Unserem alten Reich, todtgeschlagen 1804 und begraben 1848, ein Kreuz auf zu richten. Das ist oft versucht worden, ohne zu gelingen, und von Talenten, welche übertreffen zu können, ich mir wahrlich nicht einbilde. Aber sie scheiterten nach meiner Meinung daran, daß sie den Hintergrund zum Vorgrund machen; eine Geschichte, die immer resultatlos war, muß kein Centrum abgeben wollen. Ich habe eine einfach rührende, menschlich schöne Handlung, treu und schlicht, wie der Chronist sie überliefert, in die Mitte gestellt und das Reich mit allen seinen Elementen steht dahinter, wie ein ungeheurer Berg mit Donner und Blitz, dem man’s nicht ansieht, ob er fruchtbar oder unfruchtbar ist.

(An Franz Dingelstedt, 12. Dezember 1851, WAB 2, 372)

Vgl. Helmut Kreuzer: Hebbels Agnes Bernauer (und andere Dramen der Staatsraison und des politischen Notstandsmordes). In: Hebbel in neuer Sicht, 267–293. – Hartmut Reinhardt: Das gebeugte Individuum. Zum Verhältnis von politischer und tragischer Problematik in Hebbels Agnes Bernauer. In: Neue Studien, 45–62. – Paul Michael Lützeler: Friedrich Hebbels Agnes Bernauer: Ein Geschichtsdrama zwischen Politik und Metaphysik. In: Neue Studien, 63–84. – Manfred Durzak: Politisches oder politisiertes Drama? Bemerkungen zu Hebbels Agnes Bernauer. In: HJb 1973, 9–31. – George A. Wells: Hebbels Agnes Bernauer. Versuch einer Neueinschätzung. In: HJb 1988, 31–52. – Andrea Rudolph: Friedrich Hebbels Drama Agnes Bernauer im Licht seiner Goethe- und Kleistlektüre. In: HJb 1994, 48–81.

Franz Dingelstedt, zu dieser Zeit Intendant des Münchner Hoftheaters, veranstaltet am


 

25. März 1852

die Uraufführung der Agnes Bernauer. Hebbel hält sich zu diesem Zweck vom Februar bis Ende März in München auf, wo er in je einer Audienz die beiden bayrischen Könige besucht, Maximilian und den 1848 (aufgrund der Lola Montez-Affaire) zurückgetretenen Ludwig I. Die Aufführung selbst verläuft, nach Dingelstedts Bericht, tumultuarisch, besonders da das Ende des 3. Aktes, wo der Konflikt zwischen Adel und Bürgern ausbricht, die Zeitgenossen allzu deutlich an die Ereignisse von 1848 erinnerte:

Als aber in deren Verlauf der offene Bruch zwischen Vater und Sohn, regierendem Herzog und Thronfolger, sich vollzog, als der letztere gegen den ihm den Eintritt in die Schranken wehrenden Adel das Volk hinter den Schranken zuhilfe rief, als diese zum Schlusse durch die von allen Seiten einstürmenden Bürger und Bauern umgestürzt wurden und der entfesselte Kampf sich über die weite Bühne ergoß, da ging ein Schauer des Entsetzens durch das Publikum, der nach dem Fallen des Vorhangs in wütendem Applaus von oben, aus den Logen in einem giftig zischenden Eumeniden-Chor sich entlud. Auf der Bühne fand ich bestürzte Gruppen, in den Foyers und den Korridoren lebhaft gestikulierende, konversierende, kommentierende Häuflein, aus denen nicht eben wohlwollende Blicke auf mich schossen. Hebbel hielt sich, ruhig aber totenbleich, im Hintergrunde meiner Loge, wo meine Frau den Zuspruch besorgt herbeigeeilter Freunde für sich und für ihn in Empfang nahm.

(Hebbels Persönlichkeit 1, 343f.)


 

9. März 1853

Entstehung der Ballade Ein Dithmarsischer Bauer (W 6, 160–166), die, auf lokalen Sagen beruhend, ein idealisiertes Bild von Hebbels Heimat und seinen Menschen gestaltet. Wenige Wochen später tritt Hebbels alter Wesselburener Lehrer mit ihm in Kontakt:

Mein alter Jugendlehrer F. C. Dethlefsen schrieb aus Dithmarschen um Unterstützung an mich. Ich schickte ihm zehn Thaler und schämte mich innerlich, daß es nicht mehr war, denn großen Dank bin ich diesem braven Manne schuldig. Er antwortete mir und sein Brief rührte mich tief, denn er wußte seiner Erkenntlichkeit für die kleine Summe gar keine Gränze zu finden, versicherte, nun könne er seine Schulden (!) bezahlen u. s. w. Daraus sehe ich, daß er ein edler Mensch ist und das will um so mehr heißen, als er, wie ich leider nur zu gut weiß, sich schon seit 20 Jahren aus Mißmuth u. s. w. dem Trunk ergeben hat.

(T 5100)


 

20. Januar 1854

Unter dem Titel Magellona wird die Genoveva in einer stark bearbeiteten Fassung am Burgtheater inszeniert. Es folgen bis zum Februar noch fünf weitere Aufführungen. Die Umbenennung ist nötig, weil Kirchenheilige am Burgtheater nicht auf die Bühne kommen dürfen.


 

Juli 1854

Den ganzen Monat hindurch hält Hebbel sich mit seiner Frau in Marienbad auf, dem böhmischen Kurort, in dem schon Goethe logiert hatte. Er freundet sich dort mit dem Schriftsteller Friedrich von Uechtritz (1800–1875) an, mit dem er in den nächsten Jahren einen intensiven und inhaltlich wichtigen Briefwechsel führen wird, in dem es u. a. um Hebbels Stellung zur Religion geht. Von hier aus schreibt er auch einen großen Abrechnungsbrief an den Kirchspielvogt Mohr (15. Juli 1854, WAB 3, 58–60), nachdem er hört, daß dieser sich Emil Kuh gegenüber absprechend über ihn geäußert hatte.

Vgl. Jochen Strobel: Ent-Stellungen: Zum Briefwechsel zwischen Friedrich Hebbel und Friedrich von Uechtritz und seiner Edition durch Felix Bamberg. In: HJb 2002, 81–105.


 

14. November 1854

Abschluß der Arbeit an Gyges und sein Ring, die sich über fast ein Jahr hingezogen hatte, nachdem ein Bibliotheksbeamter Hebbel auf den auf Herodot zurückgehenden Stoff um den Lyderkönig Kandaules und seine Frau Rhodope aufmerksam gemacht hatte. Eine Möglichkeit zur Aufführung der 1856 gedruckten Verstragödie sieht er von Anfang an nicht: das erste Stück, das ich in den Kasten lege (T 5363). Tatsächlich wird es erst 1889 am Burgtheater uraufgeführt.

Ich habe die Tragödie, von der ich Ihnen in Marienbad sprach, vollendet, und wenn ich ein solches Werk endlich von der Seele los bin, fühle ich mich eine Zeit lang, wie ohne Kopf und Eingeweide. Das Produciren ist bei mir eine Art von Nachtwandeln, und greift mich an, wie im Physischen ein Aderlaß; es würde mich aufreiben, wenn nicht zwischen meinen Arbeiten immer große Pausen lägen, in die ich mich nicht ohne Widerwillen ergebe, die aber am Ende doch so nothwendig sind, wie der Schlaf. Seit der Agnes Bernauer sind volle drei Jahre verflossen. Ich glaube, mit meinem Gyges zufrieden seyn zu dürfen, obgleich ich mit großem Mißtrauen an dieß Werk ging und es noch für einen gebor’nen Torso hielt, als schon drei Acte fertig waren. Griechisch will das Stück natürlich nur in dem Sinne seyn, worin Troilus und Kressida oder Iphigenie es sind; ich halte nicht viel von dem Auffüllen neuer Weine in alten Schläuchen und finde auch nicht, daß das Experiment ein einziges Mal geglückt ist. Aber ich hoffe, den Duchschnittspunkt, in dem die antike und die moderne Athmosphäre in einander übergehen, nicht verfehlt und einen Conflict, wie er nur in jener Zeit entstehen konnte und der in den entsprechenden Farben hingestellt wird, auf eine allgemein menschliche, allen Zeiten zugängliche Weise gelös’t zu haben.

(An Friedrich von Uechtritz, 14. Dezember 1854, WAB 3, 123)

Vgl. Helmut Kreuzer: Hebbels Gyges und sein Ring. In: Hebbel in neuer Sicht, 294–314. – Hartmut Reinhardt: Die Kröte vor dem Gemach. Zur Verteidigung der tragischen Struktur in Hebbels Gyges und sein Ring. In: HJb 1983, 89–126. – Ludger Lütkehaus: Dialektik der Aufklärung. Hebbels Gyges und sein Ring. Heidelberg 1983. – Wolfgang Wittkowski: Die Bestialität in Handschuhen. Gyges und sein Ring. In: „Alles Leben ist Raub“, 195–218. – Andrea Rudolph: Der Ring des Gyges als Revolutionssymbol. In: HSR 7. Berlin 2000, 75–94. – Ulrich Fülleborn: „Er ist Dein Eigenthum“: Der Ring des Gyges und das Problem des Besitzdenkens im Drama Friedrich Hebbels. In: HJb 2001, 9–29.


 

18. November 1854

Elise ist nicht mehr; am 18ten November 1854 gegen Morgen ist sie verschieden. Lange vorher schon war für sie Nichts mehr zu hoffen, und also nur der Tod noch zu wünschen; so erschüttert mich die Schmerzenskunde denn im Moment des Eintreffens nicht so sehr, als sie in mir nachzitterte und nachzittern wird! Welch ein verworrenes Leben; wie tief mit dem meinigen verflochten, und doch gegen den Willen der Natur und ohne den rechten inneren Bezug! Dennoch werde ich Niemand lieber, als ihr, in den reineren Regionen begegnen, wenn sie sich mir dereinst erschließen.

(T 5363)


 

14. August 1855

Ferienaufenthalt in Gmunden am Traunsee. Hebbel kauft für 2300 Gulden das Haus Orth Nr. 31 im Bezirk Gmunden, damals nicht mehr als ein kleines Bauernhaus, in dem die Familie von nun an die Sommerferien verbringt, auch wenn noch viel Geld für den Aus- und Umbau aufgebracht werden muß.

Die erste Nacht im eigenen Hause zugebracht und gut geschlafen, so knapp und eng auch Alles war. Da die alten Leute, die es mir verkauft haben, noch da sind, so haben wir nur ein einziges kleines Zimmer, das ungefähr so unter uns vertheilt ist, wie das Jean Paulsche in den Flegeljahren zwischen Walt und Vult. Zwei große Betten und ein ungeheurer Ofen füllen es fast allein aus und wir schlüpfen in die Ecken hinein, der Eine in diese, der Andere in jene, und dürfen uns nicht rühren, wenn wir uns nicht gegenseitig erdrücken wollen. Mein Verschlag ist hinter den Betten, wo ich jetzt auch schreibe und ich kuke aus demselben hervor, wenn ich mich umdrehe, wie die Löwen aus ihrem Käfig in Schönbrunn. (...) Heute morgen fiel mir ein, wie glücklich mein armer Vater gewesen wäre, wenn er es jemals zu einem so bescheidenen kleinen Besitz gebracht hätte! Es war ihm nicht vergönnt, und doch hat er mehr Tropfen Schweiß vergossen, als das Haus Atome zählt!

(21. August 1855, T 5389)


 

3. September 1855

Hebbel unterzeichnet die Adoptionserklärung für Christines nach wie vor in Hamburg lebenden Sohn Carl. Carl Hebbel (geb. 1842) wird Kaufmann und wandert 1867 nach Chile aus. Am 18. September 1895 erliegt er bei einem Besuch seiner Mutter auf der Hauptpost in Wien einem Herzschlag.

Vgl. Hermann Prollius: Über Hebbels Adoptivsohn Carl Hebbel und dessen Nachkommen. In: HJb 1949/50, 116–118.


 

18. Oktober 1855

Ich fange an, mich ernstlicher mit den Niebelungen zu beschäftigen, mit denen ich bisher in Gedanken nur spielte. Der erste Act (von zehnen vermuthlich!) wird bald fertig seyn und verspricht eine gute Exposition. Hagen und Siegfried stehen schon da, Chriemhild soll mir, wenn es ihr gefällt, heute das erste Wort anvertrauen.

(T 5396)


 

18. Februar 1857

Heute Abend um halb sechs Uhr auf der Mariahilfer Hauptstraße habe ich den dritten Act der Nibelungen-Tragödie und damit die erste Abtheilung (Siegfried’s Tod) geschlossen. (...) Nie habe ich ein reineres Manuscript gehabt, fast kein Wort ist ausgestrichen und auch jetzt glaube ich nicht, daß ich viel zu corrigiren nöthig habe; ich blicke mit vollkommen ruhigem aesthetischen Gewissen auf das Ganze, wie auf’s Detail. Hiebei fällt mir der Moment ein, wo ich das Nibelungen-Epos zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Es war in Hamburg, als ich Amalia Schoppe zum ersten Mal, aus Dithmarschen zu dem Zweck herüber gekommen, besuchte und bei ihr zu Tisch gewesen war; sie schlief nach dem Essen und ich unterhielt mich mit Büchern in ihrem Garten. Unter diesen befand sich, neben Helmina von Chezy’s Werken, das alte Lied, und ich las den Gesang, der Siegfrieds Tod erzählt.

(T 5555)


 

20. März 1857

Abschluß des idyllischen Epos Mutter und Kind. Die Arbeit daran begann am 9. Februar 1856, dem Geburtstag Christines, und wurde alternierend mit den Nibelungen und der Gesamtausgabe der Gedichte fortgeführt. Das Hexameter-Epos in der Art von Goethes Hermann und Dorothea wird im Dezember mit einem Preis der Dresdner Tiedge-Stiftung ausgezeichnet. Es erscheint 1859 bei Campe im Druck, bedeutet also eine Wiederanknüpfung mit seinem Hamburger Verleger, mit dem er seit 1847 keinen Kontakt mehr gehabt hatte.

Vor einer halben Stunde aus dem Prater zurückgekehrt, wo ich mich umsonst nach dem ersten Veilchen umsah, um meine Frau bei ihrer Rückkunft aus dem Theater damit zu überraschen, nutze ich die einsame Abend-Muße, um Ihnen zu antworten. Ich lese jetzt einen außerordentlich merkwürdigen Schriftsteller, den Philosophen Schopenhauer, und schäme mich, ihn nicht früher kennen gelernt zu haben, ja, ich würde es kaum begreifen, wenn nicht seine eigenen bitteren Beschwerden über absichtliches und gänzliches Ignorirtwerden abseiten der Secten und Partheien des Tags das Factum einigermaßen erklärten und zugleich entschuldigten. (...) Ich will jetzt nicht länger hinter dem Berge halten; allerdings habe ich ein episches Gedicht geschrieben, dessen Titel sogar

(Mutter und Kind, ein Gedicht in sieben Gesängen, von Hebbel)

unter dem unmittelbaren Einfluß der Musen entstanden zu seyn scheint, weil er einen ganz regelrechten Hexameter abgiebt, wenn ich nach dem Vorgang von Goethe, Schiller und Deinhardstein den Vornamen über Bord werfe. (...) Die Idee ist Ihnen längst bekannt, sie ist eine meiner allerältesten und fällt noch vor die Maria Magdalena; sie wollte sich aber früher nie runden, bis ich’s auf diese Weise versuchte, wo es im Galopp ging, denn ich habe manchen Tag über hundert Hexameter gemacht.

(An Emil Kuh, 29. März 1857, WAB 3, 398f.)

Vgl. Heinz Stolte: Mutter und Kind, Hebbels soziales Manifest. In: HJb 1971/72, 9–35. – Ludger Lütkehaus: Antikommunistisches Manifest oder karitative Utopie? Hebbels Mutter und Kind und Verwandtes. In: HJb 1982, 117–148. – Günter Häntzschel: Friedrich Hebbels Mutter und Kind vor dem Hintergrund der Tradition von Idylle und Epos. In: HSR 3. Wien 1990, 91–104. – Otfrid Ehrismann: Der schöne Schein des sozialen Friedens – Hebbels Mutter und Kind: Das Epos und Aspekte seiner Rezeption. In: HJb 1998, 7–34.


 

April–Mai 1857

Reise nach Norddeutschland, u. a. um in Hamburg den Stiefsohn Carl zu treffen und bei Antritt seiner Lehrstelle zu unterstützen. Dort trifft er auch den Wesselburener Jugendfreund Theodor Hedde wieder. In Frankfurt besucht er mit Vermittlung des Schriftstellers Wilhelm Jordan den Philosophen Arthur Schopenhauer. Er reist weiter nach Weimar und Stuttgart, wo er Eduard Mörike trifft.

Vgl. Heinz Stolte: Friedrich Hebbels Besuch bei Arthur Schopenhauer – Begegnung zweier Weltbilder. In: HJb 1967, 9–31. – Hans Blumenberg: Hebbel bei Schopenhauer. In: Ders.: Die Sorge geht über den Fluß. Frankfurt/M. 1987, S. 184–191.


 

September 1857

erscheint die Gesamtausgabe der Gedichte, die sowohl die Bände von 1842 und 1848 umfaßt (soweit Hebbel sie noch gelten läßt) als auch die inzwischen neuentstandene Lyrik aufnimmt:

Dazu habe ich meine sämmtlichen Gedichte, gedruckte und ungedruckte, durchgesehen und sie, zum Theil freilich durch simples Zurückgehen auf die ganz ursprünglichen, später verworfenen Lese-Arten, unendlich gesteigert, so daß die bevorstehende Gesammt-Ausgabe (...) unbedingt durch ihren Reichthum und ihre Reinheit einen günstigen Eindruck machen muß. Es sind sogar neue Gedichte in Menge hinzu gekommen und echt lyrische vom besten Schlag, deren ich mich so wenig noch fähig hielt, wie den Spätsommer eines Veilchens

(T 5537)

Zu den ersten Lesern dieser Ausgabe gehört Klaus Groth, der die Gelegenheit nutzt, einen Briefwechsel mit Hebbel anzuknüpfen. Mörike, dem Hebbel die Gedichte selbst geschickt hatte, sendet ein ausführliches Verzeichnis jener Gedichte, die ihm besonders gefallen haben. Auch Ludwig Uhland, dem der Band gewidmet ist, wird er zugesandt.


 

16. März 1858

Heute habe ich 800 fl [Gulden] C.M. (mehr, als für Judith, Genoveva, Maria Magdalena, Gedichte und Diamant zusammen) für einen Opern-Text eingenommen, den ich für den Componisten Rubinstein in den letzten drei Wochen geschrieben und dem ich den Titel: Opfer um Opfer gegeben habe. Ein gutes Geschäft und da mir die Arbeit noch obendrein ganz neue Blicke in das Verhältniß der Musik zum Drama, ja in die Natur des Dramas selbst verschafft hat, so kann ich in jeder Beziehung zufrieden seyn.

(T 5627)

Der Komponist Anton Rubinstein (1829–1894), damals Hofpianist und Dirigent der Hofkapelle in Petersburg, war allerdings nicht zufrieden, er legte das Libretto als unbrauchbar beiseite, und auch die Nachwelt hat es völlig vergessen.

Vgl. Heinz Stolte: Ein Steinwurf oder Opfer um Opfer. Zur Interpretation von Friedrich Hebbels Operntext. In: HJb 1979, 12–38.


 

Juni 1858

Anläßlich einer von Franz Dingelstedt veranstalteten Inszenierung der Genoveva (am 24. und 30. Juni) reist Hebbel nach Weimar. Dingelstedt ist seit 1857 Intendant des dortigen Hoftheaters und knüpft seine seit der Uraufführung der Agnes Bernauer in München 1852 unterbrochene Beziehung zu Hebbel wieder an. Hebbel begegnet den Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar und schließt nähere Bekanntschaft mit Franz Liszt, seiner damaligen Lebensgefährtin, der Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein, und ihrer Tochter Marie auf der Altenburg.

Abends auf der Altenburg große Gesellschaft, wo Lißt spielte, was er nur sehr selten thun soll; Zigeuner-Rhapsodien, durch die er mich allerdings auch electrisirte. Am Klavier ist er ein Heros; hinter ihm in polnisch-russischer National-Tracht mit Halb-Diadem und goldenen Troddeln die junge Fürstin, die ihm die Blätter umschlug und ihm dabei zuweilen durch die langen, in der Hitze des Spiels wild flatternden Haare fuhr. Traumhaft-phantastisch!

(An Christine, 26. Juni 1858, WAB 3, 615)

Vgl. Heinz Stolte: Augen wie Perugino – Hebbel und die Prinzessin von Sayn-Wittgenstein. In: HJb 1978, 11–33.

hebbel1858
Friedrich Hebbel 1858
Lithographie von Joseph Kriehuber


 

September 1858

Hebbel unternimmt zusammen mit Emil Kuh eine Reise nach Krakau, um Studien für sein Demetrius-Drama zu betreiben.

Besonders der Dom mit der Königsgruft, die ich mir öffnen ließ, so weit sie noch zugänglich ist. Ich kenne wenig Kirchen, aus denen die Geschichte einer Nation so vernehmlich spräche, wie aus dieser, und habe ganze Stunden darin zugebracht, sogar am Demetrius darin gearbeitet. Wäre ich nur nicht so oft durch das fatale Getrommel unserer K. K. Soldaten unsanft aus meinen Träumen und Phantasieen geweckt worden! Ich bin in dieser Beziehung durchaus nicht kosmopolitisch-sentimental, wie viele meiner Landsleute (...). Ja, ich bin Narr genug, noch größer von der Zukunft, als von der Vergangenheit meines Volkes zu denken, und ich glaube, daß die Welt bei der Wieder-Erneuerung des altgermanischen Kaiserthums gar nicht so übel fahren würde, da wir mit einer Liebe und Pietät auf fremde Volks-Eigenthümlichkeiten eingehen, die bei Franzosen und Engländern umsonst gesucht wird. Aber eben darum empört es mich, wenn unsere Regierungen verläugnen, was Grundzug unserer Nationalität ist und alte Königsburgen, zu denen wir mit derselben Andacht pilgern würden, wie die Eingeborenen, in Kasernen verwandeln. Ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie es das menschliche und das aesthetische Gefühl in mir verletzte, den Palast der Jagellonen mit Tornistern ausgeziert zu sehen.

(An Marie von Sayn-Wittgenstein, 2. Oktober 1858, WAB 3, 692)


 

Oktober 1858

In der Monatsschrift “Stimmen der Zeit“ erscheint der Aufsatz Das Komma im Frack (W 12, 189–193), Hebbels Polemik gegen die realistische Dorfgeschichte (z. B. Berthold Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten). Zur gleichen Zeit erscheint auch seine Besprechung von Adalbert Stifters Roman Der Nachsommer, in der es heißt: Drei starke Bände! Wir glauben Nichts zu riskieren, wenn wir Demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen (W 12, 184).

Vgl. Jürgen Hein: Friedrich Hebbel und die Dorfgeschichte des 19. Jahrhunderts. In: Neue Studien, 177–188. – Helmut Bachmaier: Spekulation oder Wahrnehmung. Zur Hebbel-Stifter-Kontroverse. In: HJb 1996, 65–75.


 

26. Oktober 1859

Heute Abend den ersten Act von „Kriemhild’s Rache“ geschlossen. So giebts am Ende wirklich noch eine Trilogie. Ich glaube, das düstre Familien-Gemälde, womit die Tragödie wieder beginnt, ist mir nicht übel gelungen, wie es denn überhaupt bei diesem ungeheuren Stoff merkwürdig ist, daß Alles, wenn der große Maaßstab des Ganzen nur nicht außer Acht gelassen wird, aus den menschlichsten Motive hervor geht. Dieß Herbst-Geschenk ist mir um so lieber, als es zugleich auch das Entré in einer neuen Wohnung bezeichnet. Ich fing vor etwa drei Wochen an.

(T 5754)

Die neue Wohnung, in der die Familie bis 1861 bleiben wird, ist das sog. „Kühfußhaus“, Tuchlauben 561, an der Ecke zur Kühfußgasse.


 

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Oft wird vom Künstler eine Interesselosigkeit verlangt, die den geistigen Zeugungsact so unbedingt aufheben würde, wie die völlige Gleichgültigkeit gegen ein Weib den physischen. Von dieser Interesselosigkeit erwartet man mit demselben Recht das reine Product, wie etwa von einer Umarmung ohne Leidenschaft und Feuer den sündenlosen Messias. Es entsteht aber eben gar Nichts.

Tagebuch, 25. Marz 1859