Hamburg 1839 - 1842, Kopenhagen 1842 / 43

Was in Wesselburen gesät wurde und in München Wurzeln fasste, kommt jetzt in Hamburg zur Blüte: Hebbel findet zum Drama und vollendet seine dichterische Entwicklung. Seine Judith wird in Berlin und Hamburg aufgeführt und erregt die Aufmerksamkeit des literarischen Deutschlands, seine Werke erscheinen im Verlag von Julius Campe. Dem künstlerischen Erfolg steht aber kein finanzieller entgegen, Hebbel lebt ärmlich mit Elise Lensing zusammen (Stadtdeich Nr. 43), dem Paar wird ein Sohn geboren. Trotz Kontakten zu Schriftstellern des „Jungen Deutschland“ wie Gutzkow oder Wienbarg bleibt er von der kulturellen Szene isoliert. Der persönliche Umgang beschränkt sich oft auf den aus Polen stammenden Eduard Janinsky (1805–1876), einen verkrachten Schriftsteller, der nach der Revolution von 1848 nach Amerika auswanderte. Seine Stimmung schwankt zwischen poetischem Rausch und depressiver Verzweiflung.

Vgl. Walther Vontin: Hebbels Hamburg. In: HJb 1963, 179–205.

stadtdeich43
Stadtdeich, rechts Nr. 43, Hebbels Wohnung bei Elise Lensing


 

11. April 1839

Jetzt sitze ich wieder in der nämlichen Kammer, in welcher ich vor drei Jahren saß und Vocabeln auswendig lernte. Die Kammer hat sich verändert, wie ich selbst, sie ist größer und stattlicher geworden. Draußen in den Bäumen, die vor dem ehemaligen Haus der Doct.[orin Schoppe] stehen, heult der Wind, die langsame, schnarrende Stimme des Nachtwächters tönt zu mir herüber, auf dem Vorplatz geht mühsam und schwer eine Uhr. Ein wunderlicher Zustand, alt und doch zugleich völlig neu.

(T 1550)

Aus dem Fenster sehend, erblicke ich dieselbe Waschfrau, die ich schon vor 3 Jahren in ihrem kleinen Stübchen von früh an emsig thätig sah. Gott, drei Jahre immer dasselbe: fremder Leute Kleider vom Schmutz reinigen.

(T 1551)


 

Juni 1839

Lebensgefährliche Erkrankung Hebbels an einem gastrischen Fieber.

Mein Zustand stieg bald in’s Unerträgliche, ich konnte nicht gehen noch stehen, nicht liegen noch sitzen, die Luft ging mir aus und ich fürchtete alle Augenblick, zu ersticken. Blutigel und Aderlässe änderten Nichts. Am Sonntag, dem 2ten Juny (mir ein unvergeßlicher Tag!), wo ich vor Schmerz, wie ein gemartertes Thier, laut aufschrie, bat mich mein Arzt, ihm die Zuziehung eines Collegen zu gestatten. In seinem Gesicht stand das Schlimmste geschrieben. „Steht’s so? – sagte ich – da will ich selbst zu Dr. Assing schicken.“ Dieser ist wohl der gelehrteste und genialste Arzt in Hamburg und mir persönlich befreundet; (...) Assing und Steinheim kamen; in meinem Vorzimmer lange Deliberationen; Resultat: noch ein Aderlaß. Ich ward (seit 2 Tagen hatte ich mein Sopha nicht verlassen, weil ich nur im Sitzen athmen konnte) unter schrecklichen Schmerzen von den Aerzten selbst in’s Bett gebracht, der Wundarzt war gleich da und die Vene ward angeschlagen. Anfangs kam kein Blut und Assing ward (ich beobachtete ihn sorgfältig) todtenbleich, endlich floss es und mir wurden 8 Tassen abgezapft. Nun spürte ich Linderung. Darauf bekam ich in der Seite und auf dem Rücken 32 Schröpfköpfe, die den Schmerz ganz vertrieben. Assing blieb die ganze Nacht bei mir, am nächsten Morgen gab er mir die Versicherung, die Gefahr sey vorüber. Was erfuhr ich aber später? Wäre der Aderlaß noch eine halbe Stunde aufgeschoben worden, so hätte er gar keine Wirkung mehr haben können und dann wäre ich (ich erhielt ihn um 4 Uhr) noch vor 6 unfehlbar am Lungenschlag gestorben! (...) Was nun folgt, versteht sich von selbst: noch 14 Tage Betthüterei; dann 8 Tage Stubenarrest; unerhörte Mattigkeit; langsames Wieder zu sich selbst kommen des insolventen Körpers.

(An Klaus Voß, 25. Juli 1839, WAB 1, 302f.)

David Assing (1787–1842), gehörte in seiner Jugend zum romantischen Kreis um Kerner und Chamisso, war der Schwager Karl August Varnhagens und Vater der Schriftstellerinnen Ludmilla und Ottilie Assing. Von 1815 an praktizierte er in Hamburg und war seitdem einer der engsten Freunde der Schoppe.

Karl Gutzkow: J. D. Assing. In: Karl Gutzkows ausgewählte Werke. Hg. von H. H. Houben. Leipzig o. J. 8. Band, S. 219–229.


 

3. Oktober 1839

Gestern fing ich meine Tragödie Judith an und schrieb ein Paar Scenen, die mir gefielen. Heute schrieb ich fort und es glückte wieder. Leben, Situation und Charakter springen in körniger Prosa ohne lange bauschige Adjectiva, die den Jambus so oft ausfüllen helfen müssen, frisch und kräftig hervor. Gott, wenn das ginge! Wenn die bisherige Pause, dies Stocken des poetischen Stroms nichts bedeutet hätte, als ein neues Bett! Ich wäre glücklich! Von meiner Poesie hängt mein Ich ab; ist jene ein Irrthum, so bin ich selbst einer!

(T 1677)


 

28. Januar 1840

Fertigstellung der Judith. Durch eine Lesung vor Freunden ermutigt läßt er es als Bühnenmanuskript drucken und gibt die Druckfahnen der Schoppe zu lesen. Diese antwortet am


 

17. Februar 1840:

Ich habe, lieber Hebbel! Die Nacht Ihre „Judith“ gelesen; brauche ich Ihnen zu sagen, wie sie auf mich gewirkt, wie mich erfreut und erschüttert hat? Auf jeden Fall erwirbt sie Ihnen den Platz in der Literatur, der Ihnen mit Recht zukömmt. Ich stelle Sie zum Shakespeare, damit ist, denke ich, Alles gesagt, und da Sie mich nicht als Schmeichlerin kennen, wird Sie das erfreuen, sofern mein Urtheil Ihnen nur irgend Etwas gilt. Wäre ich eine Eleonore, so erhielten Sie heute den Lorbeerkranz von mir; so bescheide ich mich, wie’s sich für mich geziemt.

(WAB 1, 318)


Sie vermittelt den Kontakt zur Berliner Schauspielerin Auguste Stich-Crelinger (1795–1865), die die Aufführung am Berliner Hoftheater betreibt. Unabhängig davon verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Hebbel und der Schoppe in den nächsten Wochen rapide. Im Tagebuch fallen jetzt Äußerungen wie: Die Schoppe ist doch ein elendes, erbärmliches Weib! (T 1985), Die Doctorin Schoppe häuft jetzt Beleidigung auf Beleidigung (T 2000) oder spricht von ihrem leeren, heuchlerischen, sich mit jeder fremden Farbe schminkenden Wesen (T 2029). Schließlich wird der Bruch unabwendbar, den Hebbel am


 

25. Mai 1840

mit einer bis in’s Einzelnste gehenden Auseinandersetzung des seit jeher in den verschiedensten Modificationen zwischen uns bestehenden Verhältnisses (T 2022) herbeiführt. Auf siebzehn Folioseiten beschreibt er in diesem „Memorial“ alle Stadien dieses Verhältnisses und kommt zum Schluß:

Am unglücklichsten ist der Mensch, wenn er durch seine geistigen Kräfte und Anlagen mit dem Höchsten zusammen hängt u durch seine Lebensstellung mit dem Niedrigsten verknüpft wird. (...) Ein solcher Mensch sieht sich, trotz des ihm an- und eingeborenen Stolzes zur Zeit seiner Entwickelung gezwungen, ohne Wahl von Jedermann, der eben will, sich Verpflichtungen auflegen zu lassen, u geräth hiedurch in einen unausgleichbaren Zwiespalt mit sich selbst, indem er, der all sein Denken u Sinnen auf das Geistige gerichtet hat, und der, was man zuweilen gar an ihm rühmt, die irdischen Dinge viel zu gering schätzt, dennoch für eine unbedeutende Geldunterstützung, oder für einen mit Schaam u Qual besuchten Tisch eine ewige Dankbarkeit bezeigen soll. Wie der Baum unmittelbar durch sein Grünen und Blühen für empfangenen Regen und Sonnenschein den Dank abträgt, so sollte auch der Mensch, dem man seines Geistes wegen Hülfe und Beistand leistet, durch Früchte des Geistes seiner Erkenntlichkeit hiefür genug thun können; doch diese naturgemäße Art der Compensation gefällt den wenigsten Wohlthätern...

(WAB 1, 344)


 

6. Juli 1840

Uraufführung der Judith am Berliner Hoftheater, mit einem veränderten Schluß, der die Tragik der Heldin abmildert und am Ende in einen Triumph verwandelt.

Vgl. Gerhard Fricke: Gedanken zu Hebbels Judith. In: HJb 1953, 9–27. – Wolfgang Wittkowsi: Hebbels Judith. In: Hebbel in neuer Sicht, 164–184. – Manfred Durzak: Hebbels Judith – Deutungsprobleme und Deutung. In: HJb 1971/72, 36–62. – Birgit Fenner: Judiths Unbedingtheitsspiel. Der Kampf um Anerkennung und Selbstfindung der Frau bei Hebbel. In: Neue Studien, 31–44. – Ludger Lütkehaus: Opfer der Zeit. Hebbels Judith und Genoveva. Heidelberg 1985.


Aus finanziellen Gründen sieht sich Hebbel gezwungen, für die „Wohlfeilste Volksbibliothek“ des Verlages B. S. Berendsohn in Hamburg zwei historische Schriften zu verfassen: Geschichte des dreißigjährigen Kriegs und Geschichte der Jungfrau von Orleans, beide 1840 erschienen. Er veröffentlicht beide unter dem Pseudonym Dr. J. F. Franz und leugnet sogar öffentlich die Verfasserschaft, so peinlich war ihm die ganze Angelegenheit. Das Honorar soll keine achtzig Taler betragen haben.


 

2. September 1840

Die hochschwangere Elise reist nach Ottensen, um dort ihre Niederkunft abzuwarten.

Gestern Abends um 9 Uhr ist Elise abgereis’t. Nachbaren vor den Thüren. Lauwarmer Abend ohne Kühlung. Ihr Wunsch, daß es regnen möge. Das betrachtend vor ihr stehende Hänschen [Hebbels Hund]. Warten auf den Wagen; Sitzen auf Treppen und Bänken. Ich begleitete sie. Sie brachte die Sachen in’s Haus, dann kam sie wieder heraus und ging noch eine kleine Strecke mit mir. Wenn ich daran denke, was bevor steht, so will das Herz mir brechen. O Gott, wenn Du auf mein Gebet jemals gehört hast, so halte Deine Hand über sie. Nie, nie habe ich ihres Gleichen gesehen. Sie hat einen Adel das Herzens, der allen Adel des Geistes übertrifft. Auch keine Spur von Egoismus. Ach, wenn ich sie oft quälte, sie satanisch im Tiefsten verletzte – immer sprangen nur schönere Funken aus ihrer Seele hervor, so daß ich mitten im leidenschaftlichen Frevel von ihrem Lächeln, ihren Thränen oft plötzlich erstarrte, als ob ich einen Engel gegeißelt hätte, der sich nur dadurch rächen mag, daß er seine herrliche Natur zeigt. Sie ist ein Brunnen unerschöpflicher Liebe. Womit ich es verdient habe, daß ein solches Wesen sich mir in seinem Tiefsten ergeben hat, weiß ich nicht. O Gott halt’ über sie Deine segnende, schützende Hand! Laß’ sie gesund in ihre Kammer, wovon sie mit so schwerem Herzen Abschied nahm, zurückkehren. Ich finde keine Worte für mein Gefühl, ich kann nur beten, wie ein Kind. Wie stach’s mir durch’s Herz, als sie gestern Mittag sagte: iß’ noch ein Paar Bohnen! und dann so zu weinen anfing und ausrief: ich kann nicht davor, ich denke, wenn das uns’re letzte Mahlzeit wäre!

(T 2098)


 

13. September 1840

Beginn der Arbeit an der Tragödie Genoveva.

Thränen des Danks, nimm sie, Ewiger! Aus allen Tiefen meiner Seele steigt Genoveva hervor! Nur die Kraft, nur die Liebe – dann laß’ kommen, was da will!

(T 2133)


Später wird die Arbeit nicht mehr so gut vorankommen, am 1. März 1841 berichtet er von der Vollendung (T 2282), im Mai 1841 liegt es noch immer unfertig da (T 2337) und Hebbel klagt: O Genoveva, du machst mir viel Kummer! Lieben darf ich Dich nicht und vernichten darf ich Dich auch nicht (T 2342). Noch während der Drucklegung 1842 versucht er nachzubessern, aber die Genoveva bleibt sein Sorgenkind, fertig, aber nicht wirklich vollendet. Sie erscheint Anfang 1843 bei Hoffmann und Campe, während Hebbel in Kopenhagen ist. Noch 1851 fügt er den fünf Akten ein Nachspiel an und bemerkt dazu: Golo wurde mir im Jahre 1842 zu mächtig, er wuchs mir über den Kopf (An Karl von Holtei, 5. Februar 1851, WAB 2, 242). In der Geschichte des Schurken Golo und der Heiligen Genoveva reflektiert Hebbel sein unglückliches Verhältnis zu Elise Lensing, deswegen verliert er die Kontrolle über sein Werk.

Vgl. Kurt May: Friedrich Hebbels opus metaphysicum Genoveva. In: Euphorion 45 (1950), S. 337–364. – Wolfgang Wittkowski: Hebbels Genoveva. In: Hebbel in neuer Sicht, 185–207. – Heinz Stolte: Ströme von Blut und Leidenschaft: Genoveva. Zur Interpretation einer dramaturgischen Fehlleistung. In: HJb 1984, 61–83. – Hartmut Reinhardt: „Ich treib’ die Sünde bis zum Aeußersten“. Die Golo-Tragödie in Friedrich Hebbels Genoveva. In: HJb 2002, 107–137.


 

5. November 1840

Geburt des Sohnes Max.

Welch ein Tag! Gott lasse mich so den zweiten nicht erleben! Heute, am 5ten Novbr 1840, einem Donnerstag und Bußtag, wurde mir mein Sohn geboren. Aber, was hat die arme Mutter ausgehalten! Gott, nimm sie in Deinen heiligen Schutz! Unmenschlich. Noch höre ich ihr Geschrei, sehe ihre verstörten Blicke. Instrumente wurden angewandt. Das Kind kam 10 Minuten nach 2 Uhr. Ich bin matt und angegriffen.

(T 2184)


 

1. Dezember 1840

Aufführung der Judith am Hamburger Stadttheater. Um zu verhindern, daß der Berliner Schluß verwendet wird, schreibt Hebbel selbst einen neuen Schluß, der die Tragik abmildert und mit einer heroischen Apotheose der Heldin ausklingt. Dieser Schluß wurde das ganze 19. Jahrhundert hindurch benutzt. Erst 1896 wird am Königlichen Schauspielhaus in Berlin zum erstenmal die Buchfassung aufgeführt.


 

2. Februar 1841

Vollendung der Novelle Matteo (W 8, 201–215). Erstdruck drei Monate später im „Morgenblatt“.

Vgl. Andrea Rudolph: Die Granate im romantischen Kelch – Ein Beitrag zur Struktur der Prosa Friedrich Hebbels. In: „Alles Leben ist Raub“, 61–79.


 

20. Juli 1841

wird die Buchausgabe der Judith ausgegeben. Es ist Hebbels erste Buchpublikation. Nach einer für ihn entnervenden Wartezeit hat Julius Campe (1792–1867), Besitzer von Hoffmann & Campe in Hamburg, sie in sein Verlagsprogramm übernommen, in dem auch Heinrich Heine und die Autoren des Jungen Deutschland erscheinen. Er giebt baare 10 Louisdore. Wieder eines Strecke vor mir, in der ich frei schaffen und wirken kann. Dank! Dank! Dank! (T 2308).

Vgl. Wilhelm Meyer-Voigtländer: Friedrich Hebbel und seine Verleger, besonders sein Verhältnis zu Georg v. Cotta und Julius Campe. In: HJb 1962, 160–179.


 

27. September 1841

Heute habe ich das an Campe verkaufte Mscpt meiner Gedichte geendigt und abgeschlossen. Das ist eine schwere Aufgabe gewesen, dies Tuschen und Retouchiren an den frühren Sachen, ich glaube aber, ich habe ihr genügt.

(T 2378)


 

29. November 1841

Das Lustspiel Der Diamant wird beendigt. Es ist für einen Wettbewerb in Berlin bestimmt, gewinnt dort aber keinen Preis. Erst 1847 erscheint es bei Hoffmann und Campe im Druck.

Vgl. Ludger Lütkehaus: Weltbild oder Zeitbild? Hebbels Diamant. In: HJb 1976, 76–106. – Monika Ritzer: Die Steine der Weisen. Überlegungen zu Hebbels Interesse an der Komödie. In: HJb 1993, 7–34. – Andrea Rudolph: Geschichtliche Verantwortungsgemeinschaft im Karfunkel. Shakespearerezeption und Zeitbezug in Friedrich Hebbels Lustspiel Der Diamant. In: HJb 1996, 101–128.


 

2. Februar 1842

Gestern war denn endlich der seit 6 Wochen erwartete Tag, wo Gloy bei dem Maler J. meine Genoveva las. Solch einen Abend hab’ ich noch nicht erlebt (...). Das Lesen, mit Ausnahme einiger Parthieen, war schlecht, das Auditorium so, als ob man es, wie eine Masse Matrosen, zusammengepreßt hätte. Auch bei keinem Einzigen der Schatten eines Eindrucks. Am Schluß der Acte hin und wieder ein: charmant oder: süperbe! Die arme Elise, die sich, eines bedeutenden Hustens wegen, schon Wochen lang zu Hause hielt, machte sich in dem bösen Wetter mit mir auf; als wir Nachts um 1 Uhr zurückkamen und schon eine ziemliche Strecke zurück gelegt hatten, wollte die Schildwache uns nicht über den Wall passiren lassen, wir mußten also umkehren und unsern Weg durch die Stadt nehmen. (...) Wenn dies die Menschen sind, auf die man wirken soll – und drei Viertheile des Publicums sind ihnen gleich – so ist keine Möglichkeit eines Erfolges.

(T 2461)


 

18. April 1842

Der Druck meiner Gedichte, mit dem es jetzt Ernst wird, preßt meinem Geist noch Manches ab, so eben das Sonett: an den Aether, welches gut ist. Eigentlich kann ich seit längerer Zeit, seit 1½ Jahren etwa, immer dichten. Schöne Zeit der entwickelten Kraft, wie bald gehst Du vielleicht vorüber!

(T 2531)


 

5. – 8. Mai 1842

Vier Tage lang brennt Hamburg, ungefähr ein Drittel der inneren Stadt wird zerstört, im ganzen 4219 Gebäude in 75 Straßen, darunter das Rathaus, drei Kirchen und viele öffentliche Gebäude. Auch Campes Verlagsbuchhandlung wird in Mitleidenschaft gezogen. Es kommen über hundert Menschen ums Leben, rund zwanzigtausend werden obdachlos. Es ist die größte Brandkatastrophe Hamburgs vor den Bombardierungen im 2. Weltkrieg.

Von dem Hamburger Brand sage ich Nichts. Ein welthistorischer Moment solcher Art läßt sich wohl dichterisch reproduciren, aber nicht schildern und beschreiben. Für dasjenige meiner Dramen, auf welches ich, der Idee nach, den größten Werth lege, den Moloch, wird der Brand von Hamburg mir einen gewaltigen Hintergrund darbieten. Das Drama knüpft sich nämlich an den Untergang Karthagos, und das brennende Karthago kann nicht schrecklicher gewesen seyn, als das brennende Hamburg. Ja, bei der mir von Jugend auf eigenen Anschauungsart, in den Dingen nicht die Dinge selbst, sondern immer die Symbole der Natur oder der Geschichte zu erblicken, habe ich während des Brandes beständig nicht das mir bekannte Hamburg, sondern das alte Karthago, zuweilen auch das von einer Bachantin in Brand gesteckte Persepolis vor Augen gehabt.

(An Charlotte Rousseau, 21. August 1842, WAB 1, 388f.)

Vgl. Willy Krogmann: Der Hamburger Brand von 1842 und sein Widerschein im Werke Hebbels. In: HJb 1968, 133–163.


 

15. Mai 1842

Alle Angst und Noth ist vorüber. Das Feuer, das auch uns’re Wohnung bedrohte, ist gelöscht, das Verhältniß mit Campe ist neu angeknüpft, ich habe Geld für mich und Elise, und sitze jetzt bei dem freundlichsten Sonnenschein in einem hellen, schönen Zimmer. Auch innerlich bin ich wieder in Thätigkeit, die Gedichte sind abgeschlossen, ich will keine mehr machen, dagegen steigt eine neue Tragödie aus meiner Seele empor und zwar eine ganz gewaltige: Achill! (...) Ganz glücklich würde ich bei diesem innern Quellen und Sprudeln seyn, wenn sich äußerlich die bescheidenste, aber sichere, Existenz daran knüpfte, doch, so viel Glück habe ich freilich nicht verdient.

(T 2551)


Von dem Plan einer Achill-Tragödie sind nur wenige Notizen erhalten (W 5, 99–102). Die Gedichte erscheinen Mitte Juli bei Hoffmann und Campe.


 

26. Juli 1842

Die Gedichte sind fertig, Campe läßt Nichts von sich sehen, noch hören. Zwei Mal war ich bei ihm, er behandelte mich schlecht, von oben herab. Ich muß zum dritten Mal zu ihm gehen, ich bin es den Meinigen schuldig. O, dem kalten, berechnenden Geschäftsmenschen gegenüber dies glühende todtwunde Dichterherz! Die Zukunft lastet so auf mir, als ob die ganze lange Ewigkeit nur eine einzige ungeheure Säule von finstern Tagen und Nächten wäre, die auf mich drückte. Ich bin, wie Einer ohne Arme und Beine in dieser öden Welt. Die Fertigkeiten der Hamster und Ameisen, die neben mir handthieren, hab’ ich nicht, dafür kann ich singen, aber sie können nicht hören, sie verstehen meine Sprache nicht, ich habe Nichts an sie zu fordern, denn ich gewähre ihnen Nichts. Könnt’ ich nur wenigstens meinen Schmerz tief, tief in mich verschließen, könnt’ ich mich vor ihnen verbergen, daß sie nicht mit Fingern auf mich zeigen! Cäsar, als er ermordet wurde, hüllte sich in seine Toga ein, Niemand, der den Stolz des Weltüberwinders gesehen hatte, sollte sich berühmen können, sein durch die Marter des Todes entstelltes Gesicht gesehen zu haben. Aber auch dies ist nur einem Cäsar vergönnt!

(T 2574)


 

30. August 1842

Ein unheimlicher Sommer. Monate lang schon eine Hitze, die alles Leben ausdörrt. Die Flüsse versanden, die Aecker verdursten, dem Menschen ist, als ob es an Luft zum Athmen fehlt. Die Zeitungen Tag für Tag voll von ungeheuren Brandunfällen. Mir schwebt oft das Bild des jüngsten Tags in aller Furchtbarkeit der christlichen Vorstellungsart vor der Phantasie. Ein Ende muß seyn, warum nicht jetzt? Einer muß das erleben, warum nicht ich? Jahnens meinte heute Abend, dieser Gedanke hätte doch etwas Schauerliches. Gewiß. Aber ich glaube, nur so lange, bis man die Sache entschieden sähe. Wenn die Erde erst wankte, wenn die Sterne taumelten, würde der Mensch fest stehen!

(T 2582)


 

21. Oktober 1842


In Hamburg kann ein unehelich geborenes Kind nicht auf den Namen des Vaters getauft werden. Deshalb wird Hebbels Sohn Max im dänischen Wandsbeck getauft. Mit verdrehten Augen hielt der Pfaff eine miserable Rede; wäre ich nicht als Vater zu ernsten Gefühlen angeregt gewesen, ich hätte gewiß über diese Blumenlese aus dem poetischen Garten von Anno 1770 gelacht (T 2608).


 

12. November 1842

reist Hebbel über Kiel nach Kopenhagen, wo er am 14. eintrifft. Ein Darlehen über 20 Louisdors von Emil Rousseaus Vater macht die Reise möglich.


Als Dithmarscher war Hebbel Bürger des dänischen Gesamtstaates und Untertan des dänischen Königs (und blieb es auch bis zu seinem Tod; erst 1864 beendete der preußisch-dänische Krieg die dänische Herrschaft über Schleswig-Holstein). Kopenhagen war also „seine“ Hauptstadt und Christian VIII. von Dänemark (1786–1848, König seit 1839) sein Staatsoberhaupt, an den er sich wegen Unterstützung zu wenden hatte. Seine Pläne und Absichten bei dieser Reise scheinen aber diffus gewesen zu sein:

Der erste Schritt, den ich ganz auf’s Gerathewohl thue. Ueber die Zwecke und Absichten, die mir vorschweben, mag ich mir gar keine Rechenschaft geben. Eine Professur? Wie lückenhaft, unzusammenhängend, unbedeutend, sind meine Kenntnisse! In aesthetischen Dingen weiß ich freilich Einiges und erkenne Manches, aber mir geht die Fähigkeit ab, meine Ideenkörner zu zersetzen, mein Korn zu malen und zu verbacken. Was sonst? Ein Reisestipendium? Das Glück müßte sehr viel für mich thun, wenn ich ein solches davon tragen sollte. Doch, gleichgültig, die Reise eröffnet mir wenigstens Perspectiven und Möglichkeiten, während ich in Hamburg, wie sich hier nun einmal Alles mit und ohne meine Schuld gestaltet hat, verwesen müßte.

(T 2607)

Vgl. Heinz Stolte: Hebbel und Dänemark. In: HJb 1975, 112–129. – Dieter Lohmeier: Hebbel in Kopenhagen. In: HJb 1985, 101–143.

Er logiert in der Knabrostræde bei der Witwe Petersen, ganz in der Nähe des Schlosses Christiansborg. Mit der Empfehlung eines Hamburger Bekannten besucht er zunächst Konferenzrat Dankwart, Direktor des Departements für auswärtige Angelegenheiten, der ihn an die zuständigen hohen Beamten in der Schleswig-Holsteinischen Kanzlei weiterempfiehlt. Diese Kontakte sind für seine Absichten wichtig, wichtiger aber noch die Bekanntschaft mit Adam Oehlenschläger (1779–1850), dem bedeutendsten Dichter der dänischen Romantik, den er am


 

5. Dezember 1842

zum erstenmal besuchte:

Tief ist er nicht, aber empfänglich, keine gewaltige, aber eine schöne, kraftvoll in sich abgeründete Natur; was ihm zum großen Dichter fehlt, das hat ihm vielleicht geholfen, einen ganzen Menschen aus sich zu machen. (...) Liebenswürdig ist ein solcher Charakter jedenfalls und höchst respectabel dabei, dies Letztere um so mehr, als er ohne Zweifel eitel ist und sich doch von der Eitelkeit nicht verleiten läßt, auf Stelzen zu gehen. Giebt es doch Kerle, die keine Oehlenschläger sind und, wenn man sie zum ersten Mal sieht, sich geberden, als ob sie das Abendmahl austheilen sollten.

(An Elise Lensing, 5. Dezember 1842, WAB 1, 401)

Uebrigens ist auch Oehlenschläger als Dichter seines Volks keineswegs gering anzuschlagen; um gerecht gegen ihn zu seyn, muß man nicht seinen Correggio, sondern seine nordischen Dichtungen lesen. Er ist in Dänemark, was Schiller in Deutschland: ein bedeutendes Cultur-Moment seiner Nation.

(17. Dezember 1842, WAB 1, 409)

Er ist der herrlichste Mensch, den ich je kennen gelernt habe, und ich weiß nicht, ob ich ihn mehr liebens- oder verehrungswürdig nennen soll, er ist alles Beides und ich glaube auch, daß der echte Mensch Beydes zugleich seyn muß.

(8. März 1843, WAB 1, 443)

Vgl. Heinz Stolte: Adam Oehlenschläger – Der Förderer Friedrich Hebbels. In: HJb 1964, 74–104.


 

12. Dezember 1842

Audienz beim dänischen König. Es ist Montag, der allgemeine Audienztag.

Um 10 Uhr verfüge ich mich an den vorgeschriebenen Ort. Ein ungeheuer großes Zimmer war von Menschen aus allen Ständen gedrängt voll. Rothe Soldaten, Generäle und Gemeine; blasse Theologen; feiste Beamte; kummervolle Bürger; Etatsräthe, die unter der Last ihrer Orden erlagen; Bettler, die ihre Lumpen kaum zusammen halten konnten; genug, ein tolles verworrenes Gemisch. (...) Der General tritt heraus, der Adjutant winkt mir, ich trete ein. Ein unscheinbares kleines Zimmer, der König steht in der Mitte desselben; er trägt Uniform und Degen und ist dick, sein Gesicht, en face gesehen, ist etwas verschwommen, en profil betrachtet zeigt es imponierende Züge. (...) Dem König fiel mein Benehmen auf, ich sah es, ob es aber angenehm oder unangenehm auf ihn wirkte, wüßte ich nicht zu sagen. Jedenfalls ist es besser, ein eckiges Etwas gewesen zu seyn, als ein rundes Nichts.

(An Elise Lensing, 13. Dezember 1842, WAB 1, 405–407)


Die Audienz ist ein Fehlschlag, aber nicht wegen seines Benehmens oder wegen irgendwelcher Hofintrigen, wie Hebbel mutmaßen mochte, sondern weil er eine Bitte gestellt hatte, die gar nicht zu erfüllen war: Eine Professur in Kiel, um die er nachsuchte, war nicht zu vergeben und hätte wegen seines mangelnden akademischen Abschlusses nicht an ihn vergeben werden können. Einsam und in depressiver Stimmung verlebt er den Jahreswechsel:

Mein Leben ist im Zuschnitt verdorben; das Glück verschmäht mich vielleicht nur deshalb, weil es einsieht, daß mit mir doch Nichts mehr aufzustellen ist. Aber Elise, aber Max! Geistig bin ich verdummt und verdumpft. Die inneren Quellen springen nicht mehr; es sitzt jetzt mehr wie ein Körper um meine Seele. Alles, was ich beginne, mißlingt. Wenn ich studire, so füllt sich mein Hirn nicht mit Ideen, sondern mit Dampf. Wozu weiter schreiben!

(T 2627)


 

16. Januar 1843

Durch Oehlenschläger lernt Hebbel Bertel Thorwaldsen (1770–1844) kennen, den bedeutendsten klassizistischen Bildhauer seiner Zeit, und den Märchendichter Hans Christian Andersen (1805–1875).

[Über Thorwaldsen] Eine imponirende Gestalt, edle, gebietende Züge, im Gespräch einfach, aber markig. Freundlichst lud er mich ein, ihn in seinem Atelier zu besuchen und wiederholte die Einladung, als er ging. Ich werde natürlich von dieser Erlaubniß Gebrauch machen. Er hat ein Gesicht, dem gegenüber Niemand Complimente drechseln wird. Ich bin einem großen Mann immer dankbar dafür, wenn er nicht aussieht, als ob ihn ein Töpfer aus Lehm gebacken hätte. (...) Später, nachdem ich wieder mit Oehlenschl. allein war, kam der Dichter Andersen. Eine lange, schlotterige, lemurenhaft-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend häßlichen Gesicht.

(T 2636)

Vgl. Heinrich Detering: Lemurenschlottern: Hans Christian Andersen in Hebbels Zeit. In: HJb 1998, 57–79.

Auf Oehlenschlägers Anregung hin ändert Hebbel das Ziel seiner Bemühungen in Kopenhagen: Statt einer Professur bewirbt er sich nun um ein Reisestipendium. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben Oehlenschlägers kommt es am


 

23. Januar 1843

zu einer zweiten Audienz bei Christian VIII., in der Hebbel seine Bewerbung vorträgt und die mit der für ihn hoffnungsvollen Antwort des Monarchen: Gern werde ich unterstützen! (WAB 1, 425) endet. Nun gehen die Dinge ihren langsamen bürokratischen Gang, quälend langsam für den unter Geldsorgen und Rheumatismus leidenden Hebbel. Den größten Teil des März ist er ans Bett gefesselt, beginnt aber gerade in dieser Zeit an der Maria Magdalena zu arbeiten, von der er in Kopenhagen den ersten Akt fertigstellt.

Höchst gespannt bin ich, wie sich mein Meister Anton weiter entwickeln wird, bis jetzt ist’s ein prächtiger Kerl. Die Poesie regt sich bei mir doch immer wieder, sie ist wie eine Blume, der man einen Stein nach dem andern auf den Kopf wirft und die sich an den Seiten doch immer wieder hervordrängt und den Stein, da sie ihn nicht abwerfen kann, mit ihren goldenen Ranken einfaßt. So muß es aber auch seyn, wenn Einer das Recht haben will, sich einen Poeten zu nennen, die Scheißkerle, bei denen der Nebel die inneren Saiten zerfrißt, sind nie ordentlich bezogen gewesen. Die dichten und fiedeln, wie der Bauer pfeift, wenn die Sonne scheint; regnet’s, so hält er das Maul, damit ja kein Tropfe hinein fliegt.

(An Elise, WAB 1, 447)


 

31. März 1843

Christian VIII. bewilligt unter 60 Gesuchen um ein Reisestipendium nur acht, darunter die des Komponisten Niels W. Gade – und Hebbels:

Victoria!
Meine allertheuerste Elise!
Wenig, aber herzlich! Das war die Devise der Tasse, aus der ich den ersten Kaffee bei Dir trank.
Wenig, aber mehr, wie je! Das sey die Devise dieses Briefs. (...) Heute Nachmittag um 5 Uhr brachte mir der alte herrliche Oehlenschläger einen Brief von Collin an ihn, des Inhalts:
„Se Majestät der König, haben Hebbel allergnädigst ein Reisestipendium von 600 Rthlrn jährlich auf 2 Jahre bewilligt!“
Oehlenschläger las mir das Billet mit Thränen in den Augen vor, seine Freude ist so groß, wie die meinige.
Ich habe Gott aus tiefster Seele gedankt und zugleich beschämt die Hände vor’s Gesicht gehalten. (...)
Es ist dies das Höchste, was als jährliches Reisestipendium bewilligt wird, gewöhnlich sind es 400 Rthlr. Ich bin auf die ehrenvollste Weise behandelt worden, und muß im Finanzcollegio warme Fürsprecher gefunden haben. Welche? werde ich noch erfahren. Aus einer früheren mündlichen Aeußerung Collins schließe ich, daß Graf Moltke mit darunter ist. Der Hauptmann ist und bleibt aber Oehlenschläger.

(4. April 1843, WAB 1, 458)


 

27. April 1843

Hebbel reist aus Kopenhagen ab. Am nächsten Abend ist er in Hamburg.


 

11. Juni 1843

In der Kopenhagener Zeitung „Fædrelandet“ (Das Vaterland) erscheint eine dänische Übersetzung von Hebbels theoretischer Schrift Ein Wort über das Drama, die schon im Januar im „Morgenblatt“ erschienen war. Nur vier Tage später veröffentlicht Johan Ludvig Heiberg, der einflußreichste Kritiker Dänemarks, einen vernichtenden Verriß dieses Aufsatzes und der Judith. Hebbel, um sein Ansehen bei seinen Kopenhagener Mäzenen besorgt, läßt als Entgegnung die Broschüre Mein Wort über das Drama! (W 11, 3–39) bei Campe erscheinen, die schon im August im Kopenhagener Buchhandel für 32 Schilling verkauft wird.


 

8. September 1843

Abreise aus Hamburg. Ein Drittel des Stipendiums läßt er als Unterhalt für Elise und Max zurück.


 

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Oft wird vom Künstler eine Interesselosigkeit verlangt, die den geistigen Zeugungsact so unbedingt aufheben würde, wie die völlige Gleichgültigkeit gegen ein Weib den physischen. Von dieser Interesselosigkeit erwartet man mit demselben Recht das reine Product, wie etwa von einer Umarmung ohne Leidenschaft und Feuer den sündenlosen Messias. Es entsteht aber eben gar Nichts.

Tagebuch, 25. Marz 1859